Weihnachtsengel
Es
war Weihnachtszeit. „Ach“, seufzte sie leise vor
sich hin, „wäre dieses beschissene Jahr doch bloß
schon rum.“ Früher hatte sie sich immer so auf dieses
besinnliche Fest gefreut. Aber der Glanz, den sie als
Kind bei dem Gedanken an Weihnachten in ihren Auge
hatte, war für sie jetzt nur noch in der bunten
Lichtreklame zu sehen, die die Massen zum
vorweihnachtlichen Konsumieren bewegen sollte. Diese
Feiertage bedeuteten doch nichts weiter als wochenlangen
Einkaufsstress in überfüllten Fußgängerzonen und
Einkaufscentern. Und wenn der heilige Abend dann kommt,
würde sie wieder traurig und alleine darüber
nachdenken, wie schön dieses Fest doch sein könnte,
wenn sie es mit dem Mann ihres Herzens verbringen könnte.
“Es
soll halt nicht sein. Die da oben wollen scheinbar
nicht, dass auch ich mal glücklich bin“, murmelte sie
zornig mit Tränen in den Augen, während sie wieder
schwermütig an ihren Herzensmann dachte.
Natürlich,
es hatte auch bessere Zeiten gegeben, in denen sie sich
auch als Erwachsene auf Weihnachten freute. Aber es war
schon einige Jahre her, als sie in einer Beziehung war,
die glücklich zu sein schien. Aber auch ihr damaliger
Partner hatte ihr ja letztendlich nichts weiter
gebracht, als Schmerz und Leid. Er war ja nach einiger
Zeit der Auffassung, seine Liebe zu ihr nicht mehr
zeigen zu müssen. Lieber stürzte er sich in seine
Arbeit und verbrachte seine Freizeit mit seinen Kumpels
oder vor dem Computer, als dass er sich um sie gekümmert
hätte. Sie sah sich damals dazu veranlasst, diese
Beziehung zu beenden, da er sie offensichtlich nicht
liebte.
Als
sie ihm sagte, dass sie in dieser Beziehung unglücklich
sei und ihn fragte, ob er sie überhaupt noch liebe,
hatte er die Dreistigkeit besessen, zu antworten: „natürlich
liebe ich dich. Aber wenn du
mit mir
unglücklich bist,
so solltest
du mich
wohl verlassen, um dein Glück zu finden.“
“Mein
Gott, wieso sind die Männer bloß solche Schweine?“,
sprach sie vor sich hin, als sie an diese lang zurückliegende
Beziehung dachte. „Der besaß doch tatsächlich die
Frechheit, mir vorzulügen, mich zu lieben und im
gleichen Atemzug zu sagen, dass ich doch gehen könne.
Es ist nicht zu fassen“.
Und
so verließ sie ihn dann auch und seither ist sie
alleine. Ganz alleine mit sich selbst. Es kann ein schönes
Gefühl sein, alle Freiheiten zu besitzen, niemandem
Rechenschaft ablegen zu müssen und auf niemanden Rücksicht
nehmen zu müssen. Aber nicht an Tagen wie diesem. Nicht
an den Tagen der Vorweihnachtszeit, schon gar nicht an
Weihnachten selbst und auch nicht an ihrem Geburtstag
und all den vielen anderen Tagen im Jahr, an denen sie
doch so gerne mal
wieder gespürt
hätte, von
einem Mann geliebt zu werden.
Nun,
generell war sie kein Kind von Traurigkeit. Ihre
Kollegen und Bekannten schätzten sie stets als
lebenslustig und froh ein, ohne zu wissen, welche
Einsamkeit und Traurigkeit oft hinter der Fassade
verborgen lag.
Und
auch die Männer, die sie in der Zwischenzeit näher
kennen gelernt hatte, entpuppten sich stets als nicht
wirklich liebenswert. Entweder sie wollten sie nur
sexuell ausnutzen, ohne Gefühle zu entwickeln, oder sie
waren verweichlichte Muttisöhnchen, die nicht wussten,
was sie wollten.
Aber
wenn mal ein Mann Gefühle für sie entwickelte,
so war sie
leider nicht im Stande, diese auch zu erwidern.
Aber
jetzt war da dieser Mann, den sie liebte. Ja, sie war
sich sicher, dass es nicht nur ein oberflächliches Gefühl
von Verliebtheit war, sondern eine tiefe Anziehung, die
sie als Liebe bezeichnete. Und in ihrem Inneren wusste
sie einfach, dass er der Mann war, der für sie bestimmt
war. Sie könnte es nicht erklären, aber sie wusste,
dass sie einfach zusammen gehörten. Aber es tat so
unsagbar weh, dass er
dieses Gefühl
nicht oder
noch nicht mit ihr teilte.
Unzählige
Gespräche hatte sie in den letzten Monaten geführt, in
denen es ausschließlich um diesen Mann ging. Viele
ihrer Freundinnen und Bekannten sagten ihr aber seit
einiger Zeit nur noch, dass sie ihn doch endlich abhaken
möge, da es doch offensichtlich zu sein schien, dass er
einfach nicht die gleichen Gefühle für sie hegte. Sie
hörte immer wieder, dass er ihr nicht gut tue und
sie endlich
loslassen müsse.
Sie konnte
dieses Wort Loslassen schon nicht mehr hören.
Wie
lässt man los? Lässt man einen Herzensmann los, wie
einen zu heißen Kochtopf, um sich nicht zu verbrennen?
Wie sieht es überhaupt aus, wenn ein Herz einen
Menschen festhält und wie kann man das Herz zum
Loslassen bringen? Diese Fragen konnten ihre Freundinnen
nicht beantworten. Sie sagten immer nur: „du musst ihn
endlich vergessen. Such dir einen anderen, lenk dich
ab.“
Aber
wenn man einen zu heißen Kochtopf in der Hand hält, so
wird man diesen doch auch nicht los, in dem man den Topf
weiter in den Händen hält, um damit zu einem Laden zu
gehen und sich dort einen neuen, anderen Topf zu
besorgen. Ein neuer Kochtopf würde bestenfalls dazu führen,
dass man den alten dann endlich los lässt, um den neuen
halten zu können, aber den neuen würde man gar nicht
lange halten können, weil dazu die verbrannten Hände
viel zu sehr schmerzen würden.
Wie
also lässt man einen Mann los? Oder zeigte das Beispiel
des Kochtopfs nicht viel mehr, dass es Dinge und eben
auch Männer gibt, die nach dem Loslassen so oder so
tiefe Wunden zurück lassen würden? Macht es dann nicht
mehr Sinn, alles dafür zu tun, dass der Topf gar nicht
erst so heiß und verletzend wird und man
ihn somit gar nicht loslassen muss?
Ihr
schwirrte so viel durch den Kopf. Dieser Mann hatte sie
ja eigentlich nie verletzt. Er war nicht, wie ein zu heißer
Topf. Und daher wollte sie ihn ja gar nicht loslassen.
Im Gegenteil, sie wollte doch nur eine Chance, ihm ihre
Liebe zu zeigen und diese
erwidert zu bekommen.
Nunja,
es gab auch viele Gespräche mit Ermutigungen, an diesem
Mann festzuhalten. Es gab auch ein paar Freundinnen, die
ihr sagten: „wenn du tief in dir drin spürst, dass er
der richtige ist, dann ist er es auch“, was ihr natürlich
immer wieder Hoffnung gab. Aber was hatte sie nun davon?
Sie wartete seit Monaten auf ihn und saß nun vor diesen
überteuerten bunten Weihnachtsartikeln und wünschte,
dass dieses traurige Fest, das allen Anscheins nach
ohne ihn
stattfinden
würde, doch
bloß bald hinter ihr läge.
Sie
steigerte sich dermaßen in ihre Gedanken, dass sie
regelrecht zornig wurde. Tränen der Wut standen in
ihren Augen, als sie plötzlich zur Zimmerdecke
aufblickte und schrie: „warum machst du das, Gott?
Hasst du mich? Warum lässt du mich immer nur so leiden?
Was hab ich denn verbrochen? Ich wollte immer ein guter
Mensch sein, reiße mir für alle den Arsch auf und von
dir kriege ich einen Tritt nach dem anderen! Wenn es
dich gibt, dann schick mir doch mal deinen tollen
Weihnachtsengel, damit er mir hilft!.“
Sie
wurde immer erregter und fügte hinzu: „ach, das
kannst Du nicht? Warum denn nicht? Es gibt dich wohl gar
nicht!? Oder hasst du mich so? Ich will jetzt deinen
verdammten Engel sehen, sonst hasse ich dich auch!.“
Dann wurde es still. Ganz still. Nicht einmal ihr Weinen
war noch zu hören.
Es
dauerte lange, bis sie aufstand und weiter ihre
Einkaufstüten auspackte. Es schien, als würde sie
nichts mehr denken können. Ihr Kopf war lehr. Aber auch
ihre Wohnung blieb leer.
Kein
Mann, kein Engel, kein Gott. Nichts.
Es
vergingen zwei weitere vorweihnachtliche Tage voller
buntem Treiben auf den Straßen. In ihr aber war kein
buntes Treiben mehr zu vernehmen. Den Kollegen war
aufgefallen, dass es ihr nicht gut zu gehen schien, denn
ihr sonst fröhliches Lachen war zwei Tage lang nicht zu
hören. Niemand aber wagte es, sie darauf anzusprechen.
Und wenn es jemand getan hätte, hätte sie selbst nicht
ausschließen können, dass sie entgegnet hätte, dass
sie dieses beschissene Leben, in dem
es keinerlei
Gerechtigkeit gibt, einfach satt hat.
Am
Morgen des dritten Tages wachte sie ebenso deprimiert
und freudlos auf, wie an den beiden Tagen zuvor. Sie
hatte keine Lust zu gar nichts mehr und beschloss, sich
im Betrieb krank zu melden. So verbrachte sie den
Vormittag lustlos auf dem Sofa und hatte nicht einmal
mehr Interesse daran, sich
Gedanken über diese ungerechte Welt zu machen.
Plötzlich
riss das schrillende Telefon sie aus ihrer
Gedankenlosigkeit heraus.
„Hi, ich bin`s“, erwiderte eine männliche Stimme
ihr müdes „ja?“
„Wie geht es dir?“
Einen ganz kurzen Moment musste sie nachdenken, wer
dieser Anrufer war. Dass es ihr geliebter Herzensmann
nicht war, fiel ihr jedoch zu ihrem Bedauern sofort auf.
„Ach,
du bist`s“, sagte sie überrascht, als ihr bewusst
wurde, dass es ihr Ex-Freund war, zu dem sie seit vielen
Monaten gar keinen Kontakt hatte und
auch in
den ganzen
letzten Jahren
nur sehr sporadisch.
“Ich musste vor ein paar Tagen irgendwie
an dich denken und dachte mir, wir könnten ja mal
wieder einen Kaffe zusammen trinken“, setzte der gut
gelaunt klingende Mann das Gespräch fort.
„Äh, ja, können wir mal machen“,
entgegnete sie hörbar überrascht.
So
traf sie sich noch am gleichen Tag mit ihrem Ex-Freund
in einem Bistro. Sie war sogar eine halbe Stunde dafür
gefahren, damit sie nicht von irgendwelchen Kollegen
entdeckt werden könnte, da sie sich ja krank gemeldet
hatte. Auf dem Weg dorthin fragte sie sich, ob sie nicht
doch besser umkehren sollte, anstatt sich ausgerechnet
mit dem Mann zu treffen, der ihr vor einigen Jahren zwar
vorgaukelte, sie zu lieben, sie aber einfach kampflos
gehen ließ. Aber ihr Auto
schien den
Weg dennoch
fast wie von selbst zu finden.
Nach ein paar üblichen Floskeln fragte sie
ihren Ex dann aber dennoch recht schnell, warum er sie
damals einfach hat gehen lassen.
„Das
habe ich nicht“, sagte er. Sie hielt es für besser,
dazu nichts zu sagen, da sie in dem Moment dachte, dass
er ein unverbesserlicher Dummschwätzer sei, der seine
Fehler nach
wie vor nicht zugeben wolle.
Im
Laufe des Treffens erzählte sie ihm davon, dass sie
un-glücklich verliebt sei und den Glauben an die
Gerechtigkeit verloren habe. Ja, sie sagte ihm sogar,
dass sie ihren Glauben an Gott verlor.
„Warum?“, wollte ihr Ex interessiert
wissen.
„Ach, ich habe vor drei Tagen das letzte Mal in meinem
Leben gebetet. Ich bat Gott darum, er möge mir einen
Engel schicken, um mir zu zeigen, dass es doch noch so
was wie echte Liebe gibt. Aber es gibt keine Engel.
Jedenfalls nicht für mich“.
Ihr
Ex-Freund neigte fragend den Kopf leicht zu Seite, fing
sanft an zu lächeln und sagte mit
beruhigender Stimme: „aber hier
bin ich doch.“
Zynisch
lachend sagte sie: „DU?! Du bist ein Engel? Nimm es
mir nicht krumm, aber das ist nicht nur das hochgradig
arroganteste, was ich je gehört habe, sondern auch das
lächerlichste. Ich wollte einen Engel, der mir zeigt,
dass es Liebe gibt. Einen, der mir zeigt, dass auch ich
mal Glück haben und geliebt werden kann, wenn auch ich
liebe. Du hingegen bist einer der Männer, die mich
ausschließlich vom Gegenteil überzeugt haben“.
“Weißt Du“, sagte ihr Ex mit ganz
ruhigem und warmen Tonfall, „wenn du mich nun so
auslachst, dann lachst du nicht mich aus, sondern dich.
Du wolltest einen Engel, der dir zeigt, dass es wirklich
wahre Liebe gibt und dass du geliebt werden kannst, wenn
auch du liebst. Und hier bin ich.“
Sie
begann nach ihrem Autoschlüssel zu suchen und sagte:
„lass uns gehen, ich bin nicht in der Stimmung, mir
diese Scheiße anzuhören. Du hast mich nie geliebt. Du
hast mich kampflos gehen lassen, obwohl du behauptet
hast, mich zu lieben. Fandest Du das gerecht?!“
“Nein“, sagte er. „Gerecht war es
vielleicht nicht, aber ich habe nie aufgehört, dich zu
lieben. Und kampflos war ich schon gar nicht. Nur habe
ich im Gegensatz zu dir schon viel früher gelernt, dass
unser Lebensinhalt nicht die Gerechtigkeit ist, sondern
die Geduld. Ich hätte dich nicht zurück bekommen, wenn
ich versucht hätte, um dich zu kämpfen, in dem ich
gegen Deine Argumente ankämpfe. Mein Kampf war für
dich nicht sichtbar, jedoch habe ich immer um dich gekämpft.
Nämlich, in dem
ich gegen meine Ungeduld gekämpft habe.“
“Was soll das heißen?“, fragte sie
immer noch leicht zornig, aber dennoch interessiert
klingend.
„Nun,
ich wusste immer, dass wir zueinander gehören und war
mir sicher, dass eines Tages auch zu mir ein Engel
kommen würde, der uns dann zusammenführt, wenn die
Zeit dafür
reif ist.
Heute war er da. Er sitzt mir gegenüber.“
Eine Weile war sie sprachlos. Dann sagte
sie: „das hast du schön gesagt. Aber wenn du es
wirklich immer so gesehen hast, dass wir beide zusammen
gehören, dann erkläre mir mal bitte, wieso du mich
hast gehen lassen, als wir ja noch zusammen waren“.
“Ganz
einfach“, weil ich dich liebte und immer noch
liebe“. Mit ungläubigem Blick entgegnete sie:
„nein, dann hättest du mich nicht gehen lassen.“
„Doch“,
sagte er, „du sagtest mir damals, dass du in unserer
Beziehung unglücklich warst. Also ließ ich dich gehen,
denn ich wollte,
dass du glücklich bist. Weil ich dich liebe“.
Fast fünf Minuten sprachen sie dann kein
Wort mehr. Er spielte etwas verlegen an seiner
Kaffeetasse herum und sie blickte nachdenklich in die
ihre. Erst nach minutenlangem Nachdenken schaute sie ihn
an und sagte mit weinerlicher Stimme: „ist das
wirklich so? Mein Gott, dann
war das
ja wirklich
die echte
Liebe.“
Er
antwortete nicht. Erst nachdem er einige Zeit die Tränen
der Rührung in ihren Augen beobachtete, fragte er
liebevoll: „hast du an Weihnachten schon was vor?“ |